Wenig konstruktive Kritik

Manchmal fragt man sich, wofür wir eigentlich eine Presse bzw. die Medien haben. Die wichtige Kritik- und Kontrollfunktion der (Mainstream-) Presse ist nämlich kaum noch vorhanden. Als bewusster/reflektierter Leser ist es geradezu schon ein Ereignis, dass man fast feiern möchte, wenn man mal etwas konstruktive Kritik, z.B. im Lokalteil Harsewinkel der Neuen Westfälischen liest.

Heute (NW vom 14.7., Lokalteil Harsewinkel, Artikel „Stillstand gibt es bei uns nie“, ein Bericht über die Firma H. D. Kottmeyer) war mal wieder so ein Tag. Da hat man tatsächlich lesen können:

„Bei der Ausweisung von Gewerbeflächen habe die Stadt Jahrzehnte geschlafen, …“

Wow! Versteckt in einem großen, durchaus guten Artikel hat es der Zeitungs-Redakteur doch mal gewagt, kritische Worte zu zitieren. Sonst wird ja über kritische Dinge eher ein großer Bogen gemacht oder sie werden dem Leser recht weich gespült präsentiert. Viele Leser kriegen das aber schon gar nicht mehr mit, weil sie entweder selber schon so weichgespült sind (unsere Meinung!), es aufgegeben haben, sich darüber noch einen Kopf zu machen (unsere Erfahrung!) oder die Zeitungsabos gekündigt haben (siehe entsprechende Statistiken).

Dazu kommt aber auch, dass (nicht nur) Zeitungs-Redakteure zunehmend schlechter/einseitiger ausgebildet werden, schlechter bezahlt werden, miesere Arbeitszeiten/Arbeitsanstellungen haben, weniger Zeit für Recherchen haben, unterbesetzt sind und (das möchten wir besonders hervorheben!) sehr geschickt zensiert werden (Zum Thema Zensur haben wir hier ja schon genügend geschrieben! Im Falle der NW ist alleine schon die Tatsache, dass sie zu 100% der SPD gehört, sehr spannend in Sachen Zensur. Aber das Thema ist allgemein extrem komplex.). Ja, schaut man sich  diese Missstände im Journalismus wirklich mal mit offenen Augen an, dann ist man geradezu erstaunt, dass doch noch so viel einigermaßen Brauchbares dabei heraus kommt. Das liegt teilweise wohl auch an der Selbstausbeutung der Redakteure; aber Selbstausbeutung ist ja heutzutage ohnehin ein großes Thema.

Erstaunlich ist dabei, dass das System Presse/Medien scheinbar nicht in der Lage ist, sich selber wieder auf einen vernünftigen Pfad zu führen. Aber vermutlich liegt das daran, dass man seine eigene Kritikmüdigkeit (-unfähigkeit?!) damit ergänzt, dass man auch kaum noch Kritik zulässt oder konstruktiv zur Kenntnis nimmt.

Wenn die Abozahlen fallen, dann wird in den Redaktionen scheinbar nicht über die schlechte Qualität des eigenen Erzeugnisses nachgedacht, sondern die Schuld wird bei den Lesern gesucht. Wenn sich Leser beschweren, dann werden sie mehr in therapeutische Gespräche geführt als dass man die Beschwerde als  Chance nutzt. Wenn sich kritische Dinge ereignen, berichtet man nicht kritisch und kontrollierend (siehe oben) darüber, sondern man wägt ab und passt die Berichterstattung so an, dass man keinem Sponsor und besonders nicht der Politik, auf die Füße tritt.

Und bei all diesen Umständen muss man sich nicht wundern, dass mittlerweile entscheidende Säulen unserer Gesellschaft sehr brüchig geworden sind. Und an allen Ecken und Enden wird deswegen seit Jahren geflickschustert.

In diesem Sinne erwarten wir mit Spannung den nächsten konstruktiv kritischen Bericht der NW.

 

 

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